Alin Coen

Ein Experimentierkasten in Echtzeit

14. September 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Alin Coen hat mit Du bedeutest mir die Welt gerade ihr neues Album veröffentlicht. Im Interview spricht die zweifache Mutter über ihre verschiedenen Rollen und das Musikgeschäft von heute.
Interview: Wolfgang Weitzdörfer; Fotos: David Dollmann

Wenn Du auf Deine Anfänge als Musikerin zurückblickst – wo stehst Du heute?

Inzwischen habe ich ein paar mehr Lieder geschrieben und professionelle Partner:innen wie eine Bookingagentur und einen Vertrieb mit an Bord und eine treue Fanbase. Daher können wir heute davon ausgehen, dass – im Gegensatz zu früher – auf jeden Fall mehr Leute im Publikum als auf der Bühne sind … Ich hatte zu Beginn eine ganz klare Vorstellung davon, dass ich mir mein Publikum live erspielen möchte und muss. Meine ersten drei Konzerte habe ich selbst gebucht – danach war mir klar, dass ich künftig jede Gelegenheit und jede Ungelegenheit zum Spielen nutzen werde. Diese Anfangsenergie ist sehr hilfreich für den weiteren Weg gewesen. Heute ist das anders und viel professioneller, auch wenn ich auf der Bühne ähnlich verpeilt bin wie früher … 

Hast Du diesen Schritt auch mal bereut?

Nein, das nicht. Es gab allerdings 2014 die Zeit, da hat es sich für mich nicht mehr als sinnstiftend angefühlt, Musikerin zu sein. Ich war damals felsenfest davon überzeugt, Umweltaktivistin werden zu müssen. Ich wollte dafür kämpfen, dass wir mit den Ressourcen unseres Planeten verantwortungsvoller umgehen müssen. Ich bin damals für ein Jahr nach Holland gegangen, habe studiert und auch ein sechsmonatiges Praktikum bei Greenpeace gemacht. Aber dann bin ich doch zur Musik zurückgekehrt.

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Dein neues Album heißt Du bedeutest mir die Welt. Wer oder was ist dieses „Du“?

Meine Lieder sind ja nicht privat, sie sind für Publikum geschrieben. Daher ist dieses „Du“ kein Geheimnis. Aber es ist auch keine bestimmte Person, sondern eher eine Rolle, ein Gegenüber, mit dem man sich selbst nicht so achtsam und liebevoll verhalten hat. Weil man vielleicht in einer bestimmten Situation genervt oder gestresst war. Und das bereut man dann. Es ist eine Art Entschuldigung, dafür, dass wir nicht so super waren, wie wir das selbst gerne auch mit uns hätten. Es ist aber an niemand Bestimmten gerichtet.

„Ich war Musikerin und Aktivistin.“

Es ist musikalisch ein recht neues Feld, auf dem Du damit unterwegs bist. Wie fühlt sich das an, nachdem das Album ein paar Monate draußen ist?

Es sind mehr elektronische Elemente drin, aber 2013 war das bei meinem englischsprachigen Album We’re Not The Ones We Thought We Were noch viel ausgeprägter. Und meine allererste Band 2004 war eine richtige Elektroband. Für mich persönlich ist es also nicht ganz so neu, aber in den deutschsprachigen Liedern vielleicht schon. Das hat auch etwas mit dem Schreibprozess zu tun, denn viele Stücke sind tatsächlich am Computer entstanden. Meine erste musikalische Liebe war übrigens Björk, ich bin also mit elektronischen Klängen musikalisch sozialisiert worden.

Du singst auf den in drei dänischen Studios aufgenommenen Stücken nicht nur, sondern spielst auch Instrumente. Welche sind das?

Saz, eine türkische Langhalslaute, Pandeiro, eine kleine Handtrommel aus Brasilien, Darbuka, eine Bechertrommel aus dem Nahen Osten, Violine und Klavier.

Welches Feedback bekommst Du von den Leuten dazu?

Positiv! Ich bin immer wieder sehr gerührt bei den aktuellen Konzerten, dass viele Leute im Publikum alle neuen Lieder schon mitsingen können – dabei ist das Album doch gerade erst ein paar Monate draußen. Wir als Band sind ja jetzt alle Mitte vierzig, und unser Publikum ist mit uns älter geworden. Daher ist die Kommunikation auch direkter, nämlich am Merchstand nach den Konzerten. Einfach, weil die Altersgruppe offensichtlich nicht so viel Lust darauf hat, sich stundenlang auf Social-Medial-Plattformen aufzuhalten.

Man könnte dich auch als Musikaktivistin beschreiben – wie wichtig ist es Dir, etwas zu verändern?

Bei Greenpeace habe ich mitbekommen, wie Leute ihren Aktivismus umsetzen – und das hat mich für meinen eigenen Aktivismus inspiriert. Etwa, die Sichtbarkeit von Frauen, queeren oder nonbinären Personen zu vergrößern, indem ich auf Menschen in Entscheidungspositionen zugehe. Das wurde dann aber irgendwann für mich zu viel, weil ich etwa 2022 gemerkt habe, dass mich das auf Dauer kaputtmachen würde. Es sind keine begrenzten und überschaubaren Probleme, um die es hier geht. Es geht um jahrelanges Immer-wieder-darauf-Hinweisen. Ich habe angefangen, mich wahnsinnig verantwortlich dafür zu fühlen, dass sich in der Musikbranche etwas verändert. Und ich habe gemerkt, dass ich diese Verantwortung alleine gar nicht tragen kann. Ich war Musikerin und Aktivistin. Das war einerseits gut, aber die Verantwortung war dann irgendwann zu groß und ich konnte nicht mehr loslassen, habe irgendwann sogar angefangen, nur noch davon zu träumen. Deswegen musste ich für mich da einen Cut machen. Was diese Dinge allerdings nicht weniger wichtig macht.

Wie schwer ist es, in diesem nach wie vor von Männern dominiertem Business alte und bestehende Strukturen aufzubrechen?

Die Normalität ist einfach so krass männlich geprägt. Ich war gerade auf einem Festival, im Backstage hingen wunderbare Künstlerporträts, sieben der acht waren Männer. Und ich habe nur gedacht – oh, merkt das denn keiner? Ich habe versucht, darauf aufmerksam zu machen, weil niemand, glaube ich, macht so was aus Böswilligkeit. Die wollten ihren Backstagebereich einfach hübsch machen … Ein bisschen ist das alles wie ein Experimentierkasten in Echtzeit.

Du bedeutest mir die Welt ist dein siebtes Album – denkst Du jetzt schon an Nummer acht?

Ja, tatsächlich mache ich das schon durchaus intensiv. Wobei es natürlich erst die siebte Veröffentlichung ist, inklusive einem Orchester-, einem Livealbum und einer EP. Witzigerweise hatte ich mir schon für das siebte Album vorgenommen, ein tanzbares Album zu machen. Das hat jetzt nicht ganz so gut geklappt … – insofern habe ich mir das als das eine vorgenommen, ein tanzbares Album zu schreiben. Und zum anderen will ich nicht wieder eine so lange Pause zwischen zwei Veröffentlichungen haben. Ich habe auch schon die ersten Song- und Textideen aufgeschrieben, aber das Ganze steckt noch sehr in den Babyschuhen.

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Aufmacher:
Alin Coen

Foto: David Dollmann

Aktuelles Album:

Du bedeutest mir die Welt (Pflanz einen Baum, 2026)

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